Volkmar Heinig

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01.08.2002

 

 

Schulhaus Deutschland

 

Jetzt endlich hat sich herausgestellt, was wir schon immer vermutet haben. Die Deutschen sind die Dümmsten. Ein Gespenst geht um, nein nicht in ganz Europa und auch nicht das des Kommunismus, nein, in den deutschen Wohnzimmern, Klassenzimmern und Politikerköpfen, das Gespenst des Bildungsnotstandes, des geistigen Leerlaufs und medialen Panikmache. Das Gespenst heißt PISA und es scheint sich so darzubieten, als wäre es gerade Dr. Faustus Kladde entstiegen. Jetzt endlich sehen wir es wieder, doch hat es sich nicht schon vor fünf Jahren als Mr. TIMMS oder in den siebziger Jahren als neuer Gesamtschüler gezeigt? Es schleicht um den Schulhof, versucht den Kreis zu ziehen, doch der Schulhof ist schon ein Quadrat und wird es auch bleiben. Am Ende holt es sich nur die Seele in die deutschen Gesetzbücher, der Schulkörper bleibt irgendwo auf dem Müllhaufen Europas liegen. Er wird von den Lehrern entsorgt. Die Eltern helfen mit ihren schwachen Armen beim Tragen.

 

Ist die Vielstaaterei im deutschen Bildungswesen noch zeitgemäß – Föderalismus und Bildungspluralismus in Frage gestellt?

 

Beim Versuch die bildungspolitischen Ansprüche der 16 deutschen Landesoberhäupter auf einen Nenner zu bringen, werden echte Reformen bis zur Unkenntnis verschlimmbessert. Der nur zu findende kleinste gemeinsame Nenner der Kultusministerkonferenzen bremst fortschrittliche Bildungsmodelle, verhindert Entwicklung, reduziert den Wissensdurst, vermindert den Leistungsgedanke, kollaboriert mit Gedankenstillstand und Ideennot. Bewirken die historisch gewachsenen deutschen Länder mehr in der konkurrierenden oder in der konfrontierenden Schulpolitik?

Ja, ich bin ein schlechter Demokrat, Demokratie muss nicht ein kleinstaatliches, verzettelndes, sich wiederholendes, kontraproduktives, ineffektives Bildungssystem bedeuten. Demokratie ist nicht identisch mit Föderalismus. Das Gegenteil ist der Fall Schauen wir nach Frankreich oder auch nach Großbritannien, schauen wir nach Russland.

Ein zentral abgestimmtes Bildungssystem vereinfacht manches, spart Kosten und bringt mehr Wissen. Oder wollen Sie etwa behaupten, dass eine russische Ärztin schlechter behandelt als eine deutsche? Der deutsche Nonkonformismus im Bildungswesen bedeutet in diesem Fall nicht Effizienz, sondern und hinterste Plätze im europäischen Bildungswettstreit. Provinzialische Ansichten bringen eben nur provinzialische Qualität.

 

PISA hat es noch nicht an den Tag gebracht. Im Juni 2002 werden die Ergebnisse des 2. Teils der PISA-Studie veröffentlicht, dann mit Ländervergleich der deutschen Bundesländer.

Das Ergebnis ist heute schon zu erahnen. Das Nord-Süd-Bildungsgefaelle wird sich bestätigen. Die Diskussion wird konfrontativ, bedeutungsschwer aber auch nichtssagend und ziellos sein. Veränderungen auf der bildungspolitischen Plattform werden nicht in Sicht sein. Die parteipolitisch geprägten Interessen der Sozial- und Bildungspolitik der einzelnen Bundesländer wird die europäisch oder auch global denkenden Interessen der Eltern und Schüler zu Boden strecken. Die Grenzen der Bildungshoheit werden weiterhin nicht zwischen Europa und USA oder zwischen Deutschland und Frankreich verlaufen, nein, zwischen Rhein und Elbe, Oder und Main, entlang der Demarkationslinien deutscher Landesoberhäupter.

 

Lässt sich ein breiter gesellschaftlicher Konsens der an der Bildung beteiligten in Deutschland finden? Wohl kaum.

Jeder hat seine Meinung, basierend auf seinen Interessen.

Halten wir trotzdem die Diskussion warm. Nur wo laut nachgedacht wird, existiert ein Spielraum für Entwicklung.

 

Was sagen die Schüler?

 

Die Kinder der Nullbock-Generation und der Spaßgesellschaft sagen gar nichts mehr – sie fordern nur noch. Sie kennen kaum noch Verhaltensnormen, Höflichkeitsstandards, Bildungsideale und Lebensziele.

Wie läuft der Alltag unsere Schüler ab? Drogensucht und Interessenlosigkeit bestimmen den Tagesablauf. Drogen in den unterschiedlichsten Formen werden in der Schule nicht nur gehandelt, sondern auch konsumiert. Fernsehkonsum als Unterhaltungs- und Ablenkungsprozess ist die Droge und Intelligenzkiller Nummer Eins. Alltagsprobleme, der Kampf um den Arbeitsplatz und finanzielle Nöte, Missmut und Gleichgültigkeit, der Eltern fördern nicht gerade die Allgemeinbildung ihrer Kinder.

So wächst eine neue Generation heran, welche sich im Bildungs- und sozialen Status nicht von Ihren Erzeugern unterscheidet, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Die allermeisten Schüler sehen, auch familiär geprägt, keine beruflichen Perspektive, unerfüllbare Ideale wie Model oder millionenschwerer Geschäftsmann, müssen Träume am äußersten Rand jedweder gesellschaftlicher Realität bleiben.

Lernen bedeutet Anstrengung, und jedes intelligente Tier weicht jeder Arbeit aus. Aber wenn es einmal verstanden hat, dass es mit Arbeit besseres Futter erlangen kann, sind auch unsere Kinder für die Qual der Schule entlohnt. Alles eine Motivationsfrage für Eltern und Pädagogen!

 

Trotzdem gibt es ein interessantes Phänomen. Die Kinder möchten ihre Leistung bewertet sehen, und zwar genau in einer Note ausgedrückt, nach Möglichkeit mit Komma und einer Ziffer dahinter. Das motiviert und lässt einfache Vergleiche untereinander zu. Verbale Einschätzungen der Lehrkräfte sind nicht gefragt. Ebenso fördert es nicht die Strebsamkeit, wenn keine Aufrückerregeln existieren, wie das in manchen Bundesländern, Schulformen und Klassenstufen der Fall ist.

Der sozio-psychologische Nachteil der Notenvergleiche - lernwilligere und leistungsstarke Kinder werden untereinander schnell als Streber verspöttelt und gruppendynamisch ausgegrenzt.

 

Was sagen die Eltern?

 

Die Schule dient der Förderung der Allgemeinbildung, oberstes Ziel sollte sein, die berufliche und gesellschaftliche Integration der Kinder. Das in der Schule auch und in zunehmenden Masse Erziehungsaufgaben anstehen, dessen sind sich Eltern kaum bewusst, überlassen elterliche Erziehungsaufgaben im Selbstlauf den Lehrern. Sie beteiligen sich immer weniger an der Erziehung ihrer Kinder und klagen anschließend über sozialen Unfrieden in den Klassen, Versagen der Pädagogen, Verwahrlosung der Räumlichkeiten oder Inkompetenz des Schulleiters.

Das Interessenspektrum der Eltern reicht von erdnussfutternder Gleichgültigkeit bis zum weitreichenden Engagement in Elternverbänden, Schulausschüssen und Vereinen. Immer mehr und deutlicher äußern sie ihr Unverständnis über die bürokratischen Dogmen des deutschen Schulsystems bis hin zur Infragestellung der gesetzlichen Schulpflicht.

Je nach Wohnort müssen sich die Kinder und Eltern unter die Doktrin der landesspezifischen Schulgesetze unterwerfen.

Eltern sagen: Unterrichtszeit wird vergeudet. Untersuchungen und Statistiken der Elternverbände belegen, der Schwund an Unterrichtszeit beträgt durchschnittlich 20%. Was sind die Gründe? Da sind zum Beispiel Sport-, Kultur- und Schulfeste, Wandertage und Klassenfahrten, Praktika, Wetterunbilden, Verkehrschaos, Bombendrohungen, Alarmübungen, Praktika, Schüleraustausch und Patenschaftsbesuche, Lehrerkrankheit und Lehrerstreiks, Ferien- und Feiertagsregelungen, Klassenlehrerstunden, Zeugnisausgabe. Die Liste lässt sich mit Überlegung und aus Praxiserfahrung sicher fortsetzen. Hat ein Fach eine Wochenstunde sind das im Jahr ca. 38 Stunden, es finden aber davon nur 31 statt. Unterrichtsstoff für 31 Stunden lässt sich in der Erwachsenenbildung leicht an 5 ganzen Tagen vermitteln. Hoppla, dafür brauchen die Schüler ein ganzes Jahr!

 

Was sagen die Lehrer?

 

Lehrer sind permanent überfordert – sagen sie selbst? Oder sind sie einfach nur Halbtagskräfte mit voller Bezahlung und doppeltem Urlaub, wie vom Großteil der Gesellschaft behauptet?

 

Wie sieht der Lehreralltag aus?

 

Viele Lehrkräfte sind frustriert und sehen sich im anwachsenden Maße als Erzieher und Sozialarbeiter, denn als Wissensvermittler. Aber auch Schüler werden bei zunehmenden Klassenstärken nur noch als Werkstück betrachtet, und das Lernen findet nur noch des Lernens willen statt.

Wo bewirbt sich ein Lehrer nach erfolgreicher Lehrerausbildung. I n der Wirtschaft wird zunehmend für Flexibilität bei der Arbeitsplatzsuche gefordert. Im staatlichen Schulwesen fast unmöglich. Jedes Bundesland macht seine eigene Lehrerausbildung, Vergleichbarkeit ist auf Grund der verschiedenen Schulgesetze nur schwer möglich. Die administrativen Strukturen der einstellenden Schulämter sind bundesweit total verschieden und ständig in Änderung begriffen.

Der Zeitaufwand beim Kontrollieren von Schülerarbeiten ist groß – ca. 15 h pro Woche. Rechnet man noch ca. 15 Stunden für Vorbereitungszeit, Vertretungsstunden und organisatorischen Aufwand hinzu, kommt man leicht auf eine durchschnittliche 55-Stundenwoche. Nach der 35-Stundenregel des DGB also 20 unbezahlte Überstunden – mit Glück absetzbar in den Schulferien.

Es existieren zu viele Teilzeit- oder befristete Lehrer-Stellen - dadurch werden Lehrer in ihren Anstrengungen demotiviert und wandern in die Wirtschaft ab. Besondere Leistungen und Engagement einzelner Lehrer werden nicht genügend honoriert, im Gegenteil die Lehrer werden zunehmend mit verwaltungstechnischem Ballast konfrontiert und müssen sich verstärkt durch den Wust der immer komplizierter werdenden Regelungen des Schulrechts kämpfen.

Dann schreit natürlich jeder Lehrer – endliche Ferien!

 

Was sagen die Bildungswissenschaftler?

 

Dietrich Schwanitz, Professor in Hamburg schreibt schon 1999:

 

Bildung ist zu einem Schattenreich geworden. In ihm sind die Vorstellungen davon verdampft, was man eigentlich lernen soll. Eine fachlich solide Überlegung über Bildungsziele findet nirgendwo statt. Statt dessen herrschen die beiden Schwestern – die große Verunsicherung und die große Unübersichtlichkeit. Immer neue Modelle werden durchgespielt. Die Schule ist zum Prinzip des Tauschhandels zurückgekehrt. Deutsch kann durch Sport ausgeglichen werden und Mathematik durch Religion... Das hat die Schule zu einem Markt gemacht, auf dem Zensuren gehandelt werden und die Schüle mit den Lehrern  um Prozentpunkte feilschen... Das Grundprinzip jeder Ordnung von Wissensbeständen wurde fallen gelassen: die Unterscheidung von Wesentlichem und Austauschbarem, von Zentralem und Randständigem, ... Das Abgefeimteste ist: Der Lehrer muss sich die Ungezogenheit und Ruppigkeit der Schüler noch selber zurechnen lassen. Er ist selbst daran schuld. Er hat seine Klasse nicht im Griff, sein Unterricht törnt die Kids nicht an, im Gegenteil, sie fühlen sich angeödet. Man möchte mal sehen, wie man mit Goethes „Iphigenie“ die Kids antörnen soll. Ein Mindestmaß an Zivilisiertheit der Kinder wird als selbstverständliche Mitgift des Elternhauses gar nicht mehr erwartet. Ihr Verhalten wird allein aus dem Unterricht erklärt, während sie in Wirklichkeit an Konzentrationsschwäche und Erziehungsdefiziten aus dem Elternhaus leiden. [STERN 40/99,“ Malte nicht Mozart den Faust“]

 

Und Professor Dr. Jürgen Baumert, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in, stellte die zentralen übergreifenden Ergebnisse der PISA-Studie aus deutscher Sicht vor:

 

·         In allen untersuchten Kompetenzbereichen (Lesekompetenz, mathematische Kompetenz, naturwissenschaftliche Kompetenz) liegen die mittleren Ergebnisse für die 15-Jährigen in Deutschland deutlich unter dem OECD-Durchschnitt.

 

·          Im oberen Leistungsbereich entsprechen die durchschnittlichen Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler weitgehend denen in anderen Staaten. Allerdings sind keine herausragenden Erfolge in der Förderung von Spitzenleistungen nachweisbar.

 

·          Der internationale Vergleich zeigt, dass die Sicherung eines insgesamt hohen Leistungsniveaus und die Verringerung der Leistungsabstände unter angemessener Förderung aller Leistungsgruppen miteinander vereinbare Ziele sind.

 

·          Schwächen zeigen sich in allen untersuchten Bereichen insbesondere bei Aufgaben, die ein qualitatives Verständnis der Sachverhalte verlangen und nicht im Rückgriff auf reproduzierbares Routinewissen gelöst werden können. Die Anwendungsorientierung kommt hier insgesamt zu kurz.

 

·          In Deutschland ist der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Kompetenz-Erwerb in allen drei untersuchten Bereichen statistisch besonders eng. Im Bereich der Lesekompetenz ist er im Vergleich zu allen anderen OECD-Staaten am engsten.

 

·          Es gibt hohe Überlappungen in der Leistungsverteilung zwischen den einzelnen Schulformen.

 

·          Die Verteilung der 15-Jährigen in Deutschland auf unterschiedliche Jahrgangsstufen ist ungewöhnlich breit. Dabei ist im Verhältnis zu den anderen Staaten die Zahl Schülerinnen und Schüler, die sich erst auf der neunten Jahrgangsstufe befinden, sehr hoch. Ursachen hierfür sind auch die intensiv genutzte Praxis der Zurückstellung vom Schulbesuch der Grundschule und der Klassenwiederholung, von der die meisten anderen OECD-Staaten nur zurückhaltenden Gebrauch machen.

 

·          Jugendliche aus Familien mit Migrationshintergrund - insbesondere solchen Familien, die als tägliche Umgangssprache eine andere Sprache als Deutsch verwenden - bleiben im Durchschnitt deutlich unter den Kompetenzniveaus, die 15-Jährige erreichen, deren Eltern beide in Deutschland geboren wurden. Das gilt nicht nur für die Lesekompetenz, sondern - teilweise verstärkt - auch für die anderen Lernbereiche. Die Förderung von Schülerinnen und Schülern aus Familien vergleichbarer Zuwanderungsgruppen gelingt in anderen Ländern teilweise besser als in Deutschland.

 

·          Die niedrigeren Leistungsergebnisse von Jugendlichen aus Migrationsfamilien drücken sich auch in einer unterproportionalen Beteiligung an Bildungsgängen aus, die zu höheren Schulabschlüssen führen. Die entscheidende Hürde beim Übergang in diese Bildungsgänge ist dabei das Fehlen einer ausreichenden Lesekompetenz.

·          Jungen erzielen im Lesen schwächere Leistungen als Mädchen. Diese Differenz ist größer als der Leistungsvorsprung der Jungen in der Mathematik. Dieser Befund zeigt sich in fast allen an der Untersuchung beteiligten Länder, wenngleich in unterschiedlichem Ausmaß. Die relative Schwäche der Jungen im Lesen scheint vor allem darauf zurückzuführen zu sein, dass sie weniger Interesse und Zeit für das Lesen aufbringen als Mädchen.

 

·          Computer werden in deutschen Schulen deutlich seltener genutzt als in allen anderen Industrienationen. Die deutschen Jugendlichen haben zwar ein großes Interesse an Computern, aber vergleichsweise wenig Erfahrungen. Ihre Erfahrungen konzentrieren sich noch stärker als in anderen Ländern auf Computerspiele. Die Schulen - vor allem die Gymnasien - nutzen ihre Chance zu wenig, geschlechtsspezifische Interessen- und Erfahrungsunterschiede auszugleichen und Jugendliche auch an moderne Arbeits- und Lernsoftware heranzuführen.

 

Was sagen die Finanzen?

 

Geld als Äquivalent der Arbeit, der körperliche und der geistigen Arbeit. Wenn das Gold noch in der Erde liegt hat es noch keinen Geldwert, es muss erst durch körperliche Arbeit zu Tage gebracht und als Handelsware vermarktet werden. Wenn der Airbus noch nicht erfunden wurde, existiert auch noch kein Wert. Er muss erst durch geistige Arbeit erdacht und durch körperliche Arbeit materialisiert werden. Erst dann hat er, sofern er marktfähig ist, einen geldwerten Handelswert. Soweit bekannt.

Gerade in einem rohstoffarmen Land wie der Bundesrepublik ist also Bildung ein wertvolles Investitionsgut.

Doch wie im richtigen Leben auch, gilt auch in der Schule: Wer schon viel hat, bekommt auch viel. Je reicher das Bundesland, desto mehr kann für Bildung ausgegeben werden. Das zeigt sich speziell in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen in den möglichen Mehrausgaben für Personal- und Sachmitteln. Das fördert natürlich die Menge des Gelernten und die Qualität der Abschlüsse.

Ein spezieller Länderfinanzausgleich im Bildungsbereich, oder ein bundesweit zentralisierter Bildungshaushalt, welcher zu mehr Chancengleichheit führt, ist dringend erforderlich. Auch ein EU-weiter Ausgleich oder spezielle Fördermittel sind denkbar.

 

Es ist doch absolut unsinnig, sich Lehrpläne in jedem Bundesland neu und damit teuer ausdenken zu müssen, Schulämter für jeden Landkreis, Landesbezirk und Bundesland personalpolitisch unterhalten zu müssen. Auch die Trennung von Schulträgern und Bildungsträgern führt immer wieder zu finanzpolitischen und organisatorischen Querelen zwischen den Verantwortlichen und damit zu einer Lähmung des Lernbetriebes an den einzelnen Schulen. Denken wir an die verwaltungspolitische Selbstbefriedigung in den Arbeitsamtsbezirken und Landesarbeitsämtern. In den Schulverwaltungen stoßen wir bei genauerer Untersuchung auf ähnliche ineffiziente Strukturen. Eine Überorganisation der Schulverwaltungen bedeutet eine völlige Verschwendung von Steuermitteln und Naturressourcen durch Mehrfachinvestitionen und laufende Verwaltungskosten, die den Bürgern nur schwer fassbar scheint.

 

Auch für die Eltern wird es härter, die Zeiten des armen Poeten sind vorbei. Wer arm geboren ist muß heute dumm bleiben.

Die Pisa-Studie zeigt: Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen dem Geldbeutel der Eltern und dem schulischen Erfolg. Von ausgleichender Wirkung sozialer Transfers kann offensichtlich nicht gesprochen werden. Wenn Kinder aus armen Familien so deutlich weniger Erfolg in der Schule haben, schaffen die sozialstaatlichen Leistungen in Deutschland es offenkundig nicht, allen Kindern die gleichen Chancen zu geben. Aber in anderen europäischen Ländern wohl besser?

Einer der Gründe für soziale Ungerechtigkeiten ist auch: Bildungsmaterialien sind für die Bildungsträger und die mitfinanzierenden Eltern viel zu teuer, weil sie für jedes Bundesland extra erstellt werden müssen, Lehrpläne ständig geändert werden, Klassensätze zu Apothekerpreisen verkauft werden oder Kartellabsprachen preiswerte Medien verhindern.

 

 

Was sagt die Kirche?

 

Bildungsinhalte orientieren sich an Glaubensbekenntnissen, egal ob ein freiheitlich demokratisches Glaubensbekenntnis, atheistisches oder ein evangelisches, katholisches, orthodoxes, jüdisches, moslemisches, buddhistisches oder welches auch immer. Was bringt das Kreuz im bayrischen Klassenzimmer oder ein Gebetsteppich im Berliner Gymnasium. Das Ergebnis sehen wir auf dem Schulweg nordirischer Glaubenskriege, im Bildungsmangel afghanischer Mädchen, im israelischen Staatsterrorismus, bis hin im zusammenstürzenden World Trade Center.

Bildung als soziale Aufgabe wurde früher nur von kirchlichen Einrichtungen wahrgenommen, Grundbildung und der jeweilige Glaube wurde vermittelt oder schlimmstenfalls missioniert. Das ging, solange bis der preußische Staat kirchlichen Einrichtungen Bildungsaufgaben entzogen hat, bis hin zur Einführung der gesetzlichen Schulpflicht.

Wissenserwerb muss von Glaubensbekenntnissen entkoppelt werden. Religionsunterricht, in welcher Form auch immer, darf in der staatlichen Schule keinen Platz haben.

Ein Unterrichtsfach Gesellschaftskunde, welches aber nicht nur die Grundsätze der pro-westlichen und angelsächsisch orientierten Gesellschaft und deren Spielregeln der bürgerlich demokratischen Moral und  Ethik vermittelt, sondern über den Tellerrand, hin zu den philosophischen Grundlagen und Vielfältigkeit der Glaubensbekenntnisse schaut, ist noch vorstellbar.

 

Was sagen die Politiker?

 

Third International Mathematics and Science Study = TIMSS belegte bereits 1997, dass es innerhalb Deutschlands Differenzen im Bildungsniveau der Schüler zwischen den Bundesländern von eineinhalb Jahren gebe (es handelt sich bei den beiden verglichenen Bundesländern um Bayern und Nordrhein-Westfalen) und dass die Ergebnisse der Gesamtschule deutlich hinter der Realschule und weit hinter dem Gymnasium rangierten.

 

Länderhoheit

Dagegen haben die Kultusminister der Länder nach den Worten der Vorsitzenden des Bundestags- Bildungsausschusses, Ulrike Flach (FDP), „nicht die Kraft für die notwendigen Schulreformen“. Die Kultusminister der Länder hätten die Ausbildung der jungen Menschen „allein nicht mehr im Griff“. Flach forderte stattdessen eine Stärkung der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung (BLK). Die verantwortlichen Minister von Bund und Ländern sollten sich darin über Rahmenbedingungen für die dringend notwendige Schulreform in Deutschland verständigen. Dies könne nicht länger allein den Ländern überlassen bleiben. Schule sei für den Wirtschaftsstandort Deutschland viel zu wichtig, als dass jedes Bundesland weiterhin „isoliert sein politisches Hobby pflegt“. [ © Süddeutsche Zeitung, 03.12.2001 ]

 

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein föderalistisches Staatsgebilde. Die Verantwortlichkeiten sind zwischen dem Bund und den Ländern geregelt und im Grundgesetz und den Landesverfassungen festgelegt. Nach diesen Prinzipien gilt, dass die Bildungspolitik in der Entscheidungshoheit der jeweiligen Länder liegt. Das ist der Knackpunkt, welcher Eltern, Lehrern und natürlich den Betroffenen, den Kindern, das Leben schwer macht. Ein kleines Beispiel:

Ich wohne in Brandenburg und unterrichte in Berlin. Eine Tochter geht in Brandenburg zur Schule, die andere in Sachsen. Gemeinsam wollen wir in Bayern Skiurlaub verbringen. Was glauben Sie? Sie haben recht, durch die verschiedenen Schulferienzeiten einfach ein Ding der Unmöglichkeit. Oder wechseln Sie mal als Lehrer die Anstellung in ein anderes Bundesland, dann können Sie sich auch gleich in Venezuela bewerben. Was ist aber mit den Abschlüssen? Abitur nach 12 oder 13 Jahren – vergleichbar oder nicht? Oder warum ist ein bayrisches Abitur hinter vorgehaltener Hand höherwertiger als ein Berliner Abitur?

 

Fragen über Fragen, welche alle eine Ursache haben. Ist die Kleinstaaterei im Bildungswesen noch zeitgemäß? Ja, aber wir müssen doch den Föderalismus und die Selbstbestimmung der Länder hochhalten, werden Sie sagen. Wäre das nicht das Ende der Demokratie und der deutschen Nation? Alles Quatsch.

Sehen wir es historisch. Deutschland war traditionell ein vielstaatliches Gebilde der Fürstentümer deutscher Nation. Der Bildung des Deutschen Reiches 1871, folgte die Weimarer Republik und die Bundesrepublik Deutschland (mit dem Nebenzweig Deutsche Demokratische Republik), aber jeder Landesfürst wollte so wenig wie möglich von seinen hoheitlichen Rechten abgeben. Das blieb leider Gottes auch in den Zeiten der parlamentarischen Demokratie so. Landeskindern mussten nach den Regeln des Landes erzogen werden und dem Landesfürsten huldigen. Eigenartigerweise sprachen Sie alle deutsch – streng nach dem Prinzip: eines der Merkmale einer Nation ist die gemeinsame Sprache. Mehr nicht. Das blieb bis in unsere Tage so.

Ist es nicht an der Zeit, endlich darüber nachzudenken, ob das enge landesfürstliche Korsett, zu viele Schranken setzt, unnötige Bildungshindernisse aufbaut, unnötige finanzielle Mittel in der Schuladministration verbraucht, freien Wohnortwechsel erschwert, Sprachbarrieren in Europa baut. Lerninhalte werden vermischt und verwurstelt, Schulwechsel und Vergleichbarkeit der Abschlüsse erschwert, Schulformen und Klassenstufen vermengt. Am Ende lacht das Pisa-Gespenst.

Im Zeitalter der Globalisierung, der wachsenden Überwindung europäischer Schranken, der Schaffung einer europäischen Verfassung, bis hin zur Bildung eines europäischen Staates, kann die Ausbildung unserer Kinder nicht mehr Sache des Dorfältesten oder Landesfürsten sein. Ebenso kann sie nicht mehr nach ständig wechselndem Gutdünken der gerade regierenden Partei im Bundesländle verbogen werden.

Die Kultusminister der Länder Bayern und Nordrhein Westfalen haben es bereits strikt abgelehnt über einen nationales Zusammengehen in der deutschen Bildungspolitik zu diskutieren oder auch nur nachzudenken. Bildung ist Ländersache. Basta.

Es herrschen wieder einmal nur Landesinteressen, Selbstdarstellung und parteipolitische Profilierung vor, eng gekoppelt an die Besitzstandswahrung der Verantwortungsträger.

Ein Nachdenken über bundeseinheitliche Bildungsstandards und Prüfungsanforderungen wird nicht einmal in Erwähnung gezogen. Dabei würde die objektive Vergleichbarkeit der Ergebnisse doch einen echten Wettbewerb fördern.

Die Kultusministerkonferenz versucht dann den Konsens, auf der Basis des kleinsten  gemeinsamen Nenners in der Bildungspolitik herzustellen. Klein ist er wirklich der Nenner, wie er sich in der Pisa-Studie gezeigt hat, viel zu klein.

Die Kultusministerkonferenz ist zu  teuer und arbeitet ineffizient, wenn die Bildungshoheit der Länder aufgegeben würde, könnten wir sie einsparen.

Nur bundesweit einheitliche Standards und Qualität der Bildung sowie der Blick über den Tellerrand, hin zu den europäischen Nachbarn, helfen den Deutschen wieder die Spitzenplätze in der europäischen Bildungsliga einzunehmen.

 

Europäisch gedacht

 

Ein Konzept des Zusammengehens oder minimal der Vergleichbarkeit existiert nicht.

 

Was machen die Deutschen im Schulsystem anders - drei beliebige Schulsysteme in Europa zum Vergleich:

 

England: Schulpflicht: 5-16 Lebensjahr  (11 Klassen), A-Level nach 13 Klassen (entspricht Abitur), Gesamtschule, Gymnasium, Ganztagsschule bis 15.30 Uhr

 

Belgien: Schulpflicht: 6-16 Lebensjahr  (10 Klassen), Hochschulreife nach 12 Schuljahren, Ganztagsschule, Deutsch, Englisch, Französisch

 

Russland: Schulpflicht: 6-16 Lebensjahr (10 Klassen), zentrale Lehrpläne, kein Abitur aber Eingangsprüfungen an Unis, strenge mathematische und breite humanistische Ausbildung, Fremdsprachen: Englisch, Deutsch u.a., Ganztagsschule

 

Was sagt die Zukunft?

 

Die vordringlich wichtigen Aufgaben können also nur lauten:

 

·        messbare Bildungsstandards schaffen und gleichzeitig Bildungsqualität verbessern – die besten Ergebnisse aus den Bundesländern kommen auf den Prüftisch

·        Ausbildungsstandards für die Lehrerausbildung und Examen

·        bundesweit einheitliche Rahmen und Lehrpläne für alle Schulformen, Bildungsgänge, Jahrgange und Fächer schaffen

·        einheitliche Zwischenprüfungen aller zwei Jahre, zentrale Abschlussprüfungen und Abitur

·        generelle Verkürzung der Schulzeiten um 1 bis 2 Jahre und damit Verringerung der Klassenfrequenzen mit gleichen Personalmitteln

·        Volle Ausnutzung der aktiven Lernzeiten während der Unterrichtswochen, keine Projekt(Bummel)wochen, Verlagerung von Klassenfahrten in die Ferienzeiten

·        Entrümpelung und Verständlichmachung der Bildungswege mit gleichzeitiger Verbesserung der Chancengleichheit

·        Vereinfachung beruflicher Bildungswege und Bezeichnungen

·        bundesweite Vereinheitlichung der Schulbezeichnungen

·        Sprachkoordination verbessern: mehr sprachliche Bildung, Sprache als Kommunikationsplattform fördern um Sprachbarrieren innerhalb Europas  abzubauen

·        Abstimmung der Lernziele und Abschlüsse europaweit

·        Schaffung eines nationalen Sachverständigenrates, runden Schultisches oder Bundesbildungskonferenz, wie auch immer man es nennen möge, der Bildungsempfehlungen und –standards für alle Bundesländer per Bundesgesetz durchsetzen hilft.

·        Bildungsfinanzausgleiche zwischen den Bundesländern

·        Finanzanreize für Bundesländer mit freiwilliger Beteiligung am bundeseinheitlichen Bildungsprogramm

·        personelle Abkopplung der Bildungspolitik von parteipolitischen Interessen und Vorlieben, dafür Schaffung einer unabhängigen Bundesbildungsanstalt aus Schüler-, Eltern- und gesellschaftlichen Vertretern (ähnlich den teilweise länderübergreifenden Landesmedienanstalten))

 

Der Sachverständigenrat könnte auch Empfehlungen für die Durchsetzung einer bundesweit einheitlichen Reform der Schulorganisation und Verwaltung erarbeiten.

 

Höhere Kosteneffizienz lässt sich nur erzielen mit weniger Schulbehörde, kürzeren Bildungsgängen, weniger Schulformen. Damit entstehen weniger Personalkosten und weniger Sachkosten, d.h. eine Entlastung für die Landessäckel und letztlich der Steuerzahler. Der Intelligenzquotient unserer Kinder muss dabei nicht auf der Strecke bleiben.

 

PISA war ein Lichtblick auf der europäischen Bildungsautobahn.

Aber Deutschland hat noch nicht mal das Standlicht eingeschaltet, höchstens die Warnblinkanlage.

 

Volkmar Heinig

Kontakt: computerbildung@yahoo.de

01.08.2002